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Göttingen, 31. August 2021

Doreen Fragel im Interview bei Fair-Bio

„Ich möchte mit den Menschen ins Gespräch kommen!“

Sie gehört zu den Fair-Bio Genossinnen der ersten Stunde. Die 45jährige Unternehmerin lebt und arbeitet seit 25 Jahren in und um Göttingen. Doreen Fragel kennt und liebt ihre Stadt und ihre Region. Zur Kommunalwahl im September 2021 ließ sie sich von Bündnis 90 / Die Grünen als parteilose Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin aufstellen. Die Fair-Bio eG sprach mit der engagierten, energiegeladenen und sympathischen Geschäftsführerin.

Die Fair-Bio Genossenschaft ist angetreten, um regionale und dezentrale Strukturen zu stärken und zu fördern. „Wir ziehen an einem Strang“, hast Du beim ersten Kennenlernen gesagt. Warum sind Regionalität und Dezentralität auch für Dich und Dein Wahlprogramm wichtig?

Doreen Fragel: Regionalität ist nicht nur wichtig für eine Stadt, sondern vor allem für die Identität der Menschen. Wenn ich weiß, woher mein Gemüse, mein Obst, mein Brot kommt, habe ich einen Vorteil in doppelter Hinsicht. Ich weiß, wo es gewachsen ist, wie und unter welchen Bedingungen es produziert wurde, dass es gesund ist und kurze Transportwege hatte. Aber ich weiß auch, dass wir eine regionale Wertschöpfung erzeugt haben, dass Menschen aus meiner Region damit Geld verdienen.

Ich finde beide Aspekte wichtig, weil sich dadurch Verbundenheit ausdrückt. Für die Menschen, die sich entschließen, hier zu leben, ist nicht nur der Arbeitsplatz wichtig, sondern das ganze Leben drum herum, das sie an unsere Stadt bindet.

Gibt es weitere Verbindungen zwischen Deinem Wahlprogramm und den Zielen der Genossenschaft?

Die Genossenschaft steht nicht nur für dezentrale Strukturen und regionale Landwirtschaft, sie fördert auch neue Projekte und Ideen. Auch das will ich unterstützen. Ich bin Gründungsmitglied der Solawi (Solidarischen Landwirtschaft) in Landolfshausen. Daher weiß ich, dass es Zurzeit immer mehr junge Menschen gibt, die ambitioniert sind, eine Solawi aufzubauen; sie brauchen Unterstützung, Kapital und Kontakte. Es ist großartig, dass die Genossenschaft auch solchen jungen Menschen und Projekten in die Steigbügel helfen will. Nur so besteht die Chance, dass ein Kreislauf in Gang kommt: Kleine Unternehmen etablieren sich hier, haben ihre Wertschöpfung hier und bleiben auch hier. So ziehen wir wieder neue Leute und frische Ideen an unseren Standort.

Bei unserem Kennenlernen sagtest Du, dass die Themen ‚faires Bio‘ und ‚faire Mobilität‘ Gemeinsamkeiten haben. Wie meintest Du das?

Beide Themen werden als gesellschaftlich wichtige Komplexe oft zum „Greenwashing“ missbraucht. Wenn ein Discounter von Bio und Regionalität spricht, muss man als Verbraucherin kritisch hinschauen. Aus welcher Region kommen die Äpfel wirklich? Und woher weiß ich, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen sie angebaut und geerntet wurden? Ein Bio-Label allein macht dazu gar keine Angaben.

Ebenso ist Mobilität nicht gleich Mobilität. Viele große Autos mit einem „E“ auf dem Nummernschild fahren bloß eine kurze Strecke elektrisch und sind ansonsten Hybridautos, also Benziner.

Mir begegnen oft Menschen, die vom Prinzip Klimaschutz sehr überzeugt sind, aber nicht wissen, was sie tun sollen. Wir müssen ihnen konkrete Hilfen geben: wie kannst du selbst Klimaschutz umsetzen? Wie unterscheidest du Greenwashing von Klimaschutz, faires Bio von unfairem Bio? Woran merkst du, dass der Preis eines Lebensmittels zu günstig ist, um fair sein zu können? Mir schwebt vor, dass wir das in Göttingen umsetzen. Den Menschen konkret zeigen, welche Möglichkeiten es gibt, sich wirklich klimaneutral zu verhalten. Oder – um zurück zur Genossenschaft zu kommen – wirklich regional und dezentral einzukaufen. Wenn ich Oberbürgermeisterin werde, möchte ich gerne einen Beitrag hierzu leisten.

Doreen, lass uns eine Reise in die Zukunft unternehmen: wir gehen im Frühjahr 2024 zusammen durch ein Göttingen, in dem Doreen Fragel Oberbürgermeisterin ist. Was hat sich verändert?

Wir werden auf unserem Spaziergang an vielen Orten deutlich mehr frühlingszartes Grün sehen, denn ich habe gerade viele Gespräche mit Umweltschützern und Stadtplanern geführt: wir müssen unsere Stadt so umbauen, dass wir mehr Grün und Blau haben. Blau steht für Wasser. Ich möchte gern die Leine, die ja mitten durch unsere Stadt fließt, sichtbarer und erlebbarer machen. Göttingen hat viele unterirdische Rohrsysteme, die an etlichen Stellen gut freigelegt werden können, damit die alten Bäche wieder durch die Stadt plätschern.

Wir haben in der Innenstadt von 2024 mehr Gründächer und mehr grüne Fassaden, hoffentlich auch mehr Baumbestand. Und ich würde mich freuen, wenn wir auch weiterhin viele junge Leute in der Stadt haben. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Universität in Zukunft nicht nur im digitalen arbeitet, sondern die Studierenden auch wieder hierherkommen.

Ich sehe für 2024 viele gute Sitzmöglichkeiten an allen Ecken und Enden, nicht nur Bänke, sondern Liegen und Loungemöbel zum Treffen und Verweilen. Mein Traum wäre, dass der Lieferverkehr der Innenstadt bis dahin weitestgehend emissionsfrei funktioniert. Und wir sollten bis dahin endlich ein intelligentes digitales Parkleitsystem haben: man fährt aus dem Umland in die Stadt und weiß App-gesteuert, wo ein Parkplatz ist. Der Öffentliche Nahverkehr ist umgebaut, wir haben kleinere, elektrobetriebene Busse im zehn-Minuten-Takt. Wichtige Themen sind auch Solardächer und Fernwärme, das sind Projekte, die schnell umgesetzt werden können und müssen.

Wie sehen in unserer Phantasiereise die Geschäfte und Gebäude aus? Was hat sich verändert?

Die großen Gebäude in der Innenstadt, etwa das Karstadt- und das alte Sparkassengebäude, werden genutzt, um mehr Wohnen und Leben in die Innenstadt zu bringen. Das ist meine Vision, planbar ist das leider nur zu einem geringen Teil, natürlich ist man an Investoren gebunden. Ich möchte aber diese Strukturentwicklung nach Möglichkeit nicht ganz aus der städtischen Hand geben.

Egal was wir tun, der Online-Handel wird weiter wachsen. Aber die große Chance der Stadt Göttingen ist unsere einzigartige baukulturelle Kulisse. Deshalb gibt es in meiner Zukunftsvision immer noch viele bunte, aktive und kreative Läden und Einzelhändler. Es gibt sogar deutlich mehr Biohändler und Gemüseläden, weil dezentrales und regionales Einkaufen 2024 sehr beliebt sein wird.

Aber Göttingen besteht ja nicht nur aus der Innenstadt. Mein Ziel ist es, solche Strukturveränderungen in allen Stadtvierteln voranzutreiben. Um natürlich gewachsene Quartiere weiterzuentwickeln; verkehrstechnisch, kulturell, infrastrukturell.

Was noch könnte Göttingen ausprobieren, was es noch nicht gibt oder gab?

Leere Geschäfte in der Innenstadt – auch in den Stadtteilen – könnten temporär genutzt werden. Beispielsweise als Pop Up Stores für alle möglichen Gruppen: für die Upcycling-Community, für Künstler als Galerien, für Flohmärkte, oder auch für die Fair-Bio Genossenschaft, die in solchen Pop-Up Läden eine Woche lang Wirsing oder Äpfel oder Kartoffeln verkauft!

Ich möchte, dass wir Freiräume in der Stadt schaffen. Coworking Spaces, Werkhöfe, kreative Räume, in denen sich junge Menschen und StartUps ausprobieren können.

Wir sollten das vereinsungebundene Sportangebot vergrößern und fördern: beleuchtete Joggingstrecken, Skaterbahnen, Sportplätze, Fitness-Plätze, kurzum, die „bespielbare Stadt“ für Jung und Alt Wirklichkeit werden lassen.

Ich war kürzlich in Berlin und war ganz begeistert von den kleinen Bühnen. Das wünsche ich mir auch für Göttingen, mehrere kleine mobile Bühnen. Für Lesungen, für Musik, warum nicht für den einen oder anderen Tanzkurs. Mal schauen, ob die Göttinger für so etwas bereit sind! (lacht)

Was ist Deine Strategie, um solche Veränderungen herbeizuführen?

Ich möchte mit den Menschen ins Gespräch kommen! Als Oberbürgermeisterin will ich alle zusammenbringen, die unser Göttingen sozial, ökologisch und wirtschaftlich voranbringen wollen. Im Rahmen des Wahlkampfes mache ich das nun seit vielen Monaten und merke, wie wichtig das ist und wie sehr das honoriert wird. Ich habe unter anderem die „Gartengespräche“ etabliert und komme mit wildfremden Menschen zusammen, die mir gern erzählen, wie sie Göttingen sehen und wie sie sich „ihr“ Göttingen in fünf Jahren wünschen. Ich bin überzeugt: dafür muss man als Bürgermeisterin ein offenes Ohr haben.

Es gibt immer mehr Menschen, die mit 65 in Rente gehen, aber noch topfit sind. Die dürfen wir mehr einbinden in die Stadtentwicklung, sie haben viel Know-how und viel Potenzial. Ich möchte gern eine „Ehrenamt-Kultur“ etablieren und stärken. Bei Migration und Zuwanderung stehen wir vor großen Aufgaben, und es gibt viele Menschen, die dabei gern helfen möchten. Warum öffnen wir zum Beispiel nicht nachmittags die Schulen? Für Lese-, Spiel- oder Förderstunden.

Im Rahmen Deiner Oberbürgermeisterinnenkandidatur liegen anstrengende Wochen und Monate hinter Dir. Wenn Du Dich nochmal entscheiden könntest, Hand aufs Herz: würdest sie es wieder machen?

Mir war schon klar, dass das eine besondere Reise wird, an der ich wachse und deren Verlauf schwer vorhersehbar ist. Aber ja, ich würde es wieder machen! Obwohl es streckenweise mehr als hart war. Dieser Spagat zwischen Arbeit, Wahlkampf und Familie ist anspruchsvoll, aber ich mache ihn gern. Und ich merke, dass ich mit allen Menschen, ob in Vereinen, Institutionen, Organisationen oder Unternehmen, schnell eine gute Gesprächsbasis finde. Ich denke, das ist meine persönliche Stärke.

All das kann ich aber nur tun, weil meine Familie fest hinter mir steht. Mein Mann hat von Anfang an gesagt: klar kannst Du das, klar unterstütze ich Dich! Sonst ginge es nicht. Auch nicht ohne das Verständnis meiner Familie, wenn ich etwa den ganzen Sonntag am Rechner sitze.

Was musstest Du im Laufe Deines Wahlkampfes lernen?

Mich durchsetzen, mich von den anderen absetzen, contra geben. Zuviel Kuschelkurs ist nicht gut. Ich mache das aus tiefstem Herzen, weil ich diese Stadt bewegen möchte. Mich treiben keine parteipolitisch-taktischen Überlegungen an, sondern nur meine Überzeugungen.

Wahlkampf ist wie ein kleines Unternehmen aufbauen: Strukturen schaffen, die richtigen Men- schen um sich scharen. Ich habe so viele nette Menschen kennengelernt!

Das Interview führte Heike Hoppe, Redakteurin, Geschäftsführerin Fair-Bio eG

Pressekontakt:
Heike Hoppe | Fair-Bio eG | Levinstraße 9 | 37079 Göttingen | 0551-506619582 | h.hoppe@fair-bio-genossenschaft.de; zum YouTube-Kanal der Fair-Bio eG: https://bit.ly/3ubuqkW